Der Geschmack alter Apfelsorten
Streuobstwiesen, vergessene Schätze und Menschen, die das herbstliche Kulturgut des Bayerischen Waldes bewahren.
Es ist ein kühler Oktobermorgen im Bayerischen Wald. Unter den knorrigen, alten Bäumen einer Streuobstwiese liegt ein Duft in der Luft, der Kindheitserinnerungen weckt: ein süß-säuerliches Aromen-Spiel aus reifem Obst, feuchtem Gras und Erde. Hier, abseits der sterilen Obstregale der Supermärkte, reift ein Schatz heran, der weit mehr ist als nur Nahrungsmittel – er ist lebendiges Kulturgut.
Mehr als nur süß: Die vergessene Geschmacksvielfalt. In unseren Supermärkten dominieren heute eine Handvoll globaler Sorten: Pink Lady, Golden Delicious, Jonagold. Sie sind makellos, lange haltbar und schmecken vor allem eines: süß. Doch wer einmal in einen echten „Waidler“-Apfel gebissen hat, der auf einer Streuobstwiese im Bayerischen Wald gereift ist, weiß, dass ein Apfel zu weit mehr fähig ist.
Die alten Sorten, deren Namen oft genauso charaktervoll sind wie ihr Geschmack, bieten eine schier unendliche Palette an Aromen. Da ist etwa der „Roter Berlepsch“, ein echter Klassiker, der mit einer kräftigen Würze überrascht, die fast schon an rote Johannisbeeren erinnert. Oder die „Goldparmäne“, die oft als einer der edelsten Tafeläpfel galt. Ihr saftiges Fruchtfleisch besitzt eine feine, nussige Note und ein ausgewogenes Zucker-Säure-Verhältnis, das sie zum perfekten Begleiter für einen gemütlichen Herbstnachmittag macht.
Ganz anders präsentiert sich der „Boskoop“. Er ist der unangefochtene König der Back- und Kochäpfel. Seine raue Schale und sein herber, säuerlicher Geschmack machen ihn pur genossen für manchen gewöhnungsbedürftig, doch im Ofen entfaltet er sein volles Potenzial und zerfällt zu einem aromatischen Mus, das jedem Apfelkuchen oder Bratapfel eine unvergleichliche Tiefe verleiht.
Diese Vielfalt ist kein Zufall. Die alten Sorten wurden über Jahrhunderte hinweg gezüchtet, um perfekt an die regionalen Gegebenheiten angepasst zu sein. Sie mussten robust sein gegen Frost und Krankheiten und unterschiedliche Verwendungszwecke erfüllen – vom direkten Verzehr über die Lagerung bis hin zur Mostherstellung.
Streuobstwiesen sind Orte der Biodiversität und der Entschleunigung. Die Heimat dieser geschmacklichen Schätze sind die Streuobstwiesen. Sie prägen das Landschaftsbild auf einzigartige Weise. Im Gegensatz zu niederstämmigen Plantagen der modernen Landwirtschaft stehen hier hochstämmige Bäume. Sie sind locker verteilt auf Grünland.
Streuobstwiesen sind wahre Hotspots der Biodiversität. Sie bieten Lebensraum für Tausende von Tier- und Pflanzenarten – von seltenen Vögeln wie dem Wendehals über unzählige Insekten bis hin zu seltenen Orchideen. Für den Menschen sind sie Orte der Ruhe und Entschleunigung, an denen man die Jahreszeiten noch intensiv erleben kann.
Die Bewahrer des Kulturguts: Leidenschaft und Engagement. Doch dieser idyllische Lebensraum ist bedroht. Viele Streuobstwiesen sind überaltert, werden nicht mehr gepflegt oder fallen der Bebauung zum Opfer. Mit dem Verschwinden der Bäume droht auch das Wissen um die alten Sorten und ihr unvergleichlicher Geschmack verloren zu gehen. Zum Glück gibt es Menschen, die sich diesem Trend entgegenstellen. Es sind Pomologen (Obstsortenkundler), engagierte Naturschützer, aber auch ganz normale Gartenbesitzer, die mit Leidenschaft und Fachwissen das herbstliche Kulturgut bewahren. Sie kartieren alte Bestände, bestimmen vergessene Sorten und vermehren sie, indem sie Reiser von alten Bäumen auf junge Unterlagen pfropfen. Sie organisieren Apfelfeste und Sortenausstellungen, um die Bevölkerung für die Vielfalt zu begeistern, und Mostereien, die das Obst zu regionalen Säften und Bränden verarbeiten.
Regio Tipps: Viele Orte im Bayerischen Wald veranstalten im Herbst Apfelfeste. Hier können Sie verschiedene alte Sorten probieren, sich über den Anbau informieren und regionale Produkte kaufen. Besuchen Sie eine Mosterei und schauen Sie zu, wie aus den Waidler-Äpfeln frischer Saft gepresst wird. Auf Streuobst-Lehrpfaden können Sie mehr über die Bedeutung dieses Lebensraums und die verschiedenen Obstsorten erfahren.






